Berichte zum Filmclub

Filmclub
Nur ein Film?

„Kästner und der kleine Dienstag“
Der Junge und das Kind im Manne

Im letzten Filmclub des Jahres erfreuten wir uns an den wilden, aber auch besinnlichen Momenten der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und kämpften dann mit schlimmen Erinnerungen an die verdeutschten 12 Jahre einer scheinbar verschütteten Zeit.
Erich Kästner erlebt den Durchbruch, seinen Aufstieg und Berliner Kinder entdecken in den Hinterhöfen ihre eigene Stärke und  politische Neigungen. Erich kommentiert die Jugend- und Kinderliteratur mit den Worten: “Geschichte und Geschichten liegen auf der Straße“. So sammelt er die Liegenschaften und das Geschehen zwischen meisterhaft illustrierten Bücherdeckeln.

Florian Fitz (alias Erich Kästner) erfreut sich am leicht vulgären Gesang, an freizügigen Weibsbildern der Berliner Juchhe-Szene und vor allem am Erfolg seines Kinderromans
„Emil und die Detektive“(erschienen 1929). Der Grundschüler Hans Albrecht Löhr ist von dem Roman so begeistert, dass er dem Autor einen enthusiastischen Brief schreibt. Wenig später wird  aus dem kleinen Hans die Roman- und Filmfigur „Der Kleine Dienstag“. Dies verdankt er nicht nur dem Autor, sondern auch seinem eigenen schauspielerischen Talent. Erich entwickelt gegenüber dem Buben väterliche Gefühle, lehnt es aber ab, eine engere Beziehung zu der allein erziehenden Mutter des Jungen einzugehen. Der kleine Dienstag betet  seinen „Ersatzvater“ an und übernimmt viele Ansichten und politische Einstellungen vom Muttersöhnchen Erich Kästner. In dieser Allianz gefährden sich Beide und der Zeitkritiker Erich versucht, Dienstag zu dessen eigenem Schutz auf Distanz zu halten. Beim Kleinen Dienstag kommen zudem zwei weitere Gefahren-Momente hinzu: Zum einem ist seine Schwester ein fanatisches BDM-Mädchen und zum anderen ist sein bester Freund Halbjude. Aufgrund seiner Systemverachtung  versucht der Gymnasiast sich dem Militärdienst zu entziehen und Nazideutschland zu verlassen. Was ihm aber letztlich misslingt und er später an der Ostfront stirbt. Erich verliert im 2. Weltkrieg  seinen besten Freund „Erich Ohser“, der sich nach seinem Berufsverbot 1944 das Leben nimmt. Kästner schafft es trotzdem heimlich als Drehbuchautor bei der UFA eingesetzt zu werden. Es gelingt ihm,
mit Schauspielern, Kameraleuten und seiner Geliebten „Luiselotte Enderle“ sich1945 nach Mayrhofen in Tirol, angeblich zu Dreharbeiten, abzusetzen.
Kästner überlebt, während der „Kleine Dienstag“, also Hans Löhr, im Alter von 20 Jahren wie viele seiner Freunde und Klassenkameraden zum Kriegsopfer wird.  

Filmwirklichkeit und stiller Widerstand

Vergessen wir nicht, dass sich Erich nicht nur um Kleindienstag kümmerte, sondern auch  weiter an seinem Werk arbeitete. Da sind seine zeitkritischen und sarkastischen Gedichte und vor allem sein bedeutendster Roman „Fabian“, den er 1931 veröffentlichte, zu nennen.

Fabian, ein promovierter Arbeitsloser, versucht vergeblich noch irgendwie Fuß zu fassen. Als Germanist reicht es nicht zu einer Lehrtätigkeit an der UNI. Sein Lebensstil ähnelt auch der Kästnerischen Liederlichkeit. Eines Tages sieht er einen Jungen, der im Flusswasser offenbar um sein Leben kämpft. Fabian will den Ertrinkenden retten und springt ins Wasser. Vergisst dabei aber, dass er selbst gar nicht schwimmen kann, So ertrinkt Doktor Fabian, während der ertrinkende Junge zurück ans Ufer schwimmt. Der Junge ist zwar schockiert, aber das rettet den Gutmenschen Fabian auch nicht mehr.

Mit der Machtergreifung der Politschreier steht Kästner vor einer schwierigen Entscheidung.
Soll er, wie viele andere Schriftsteller und Künstler, Deutschland verlassen oder doch noch bleiben?

Als am 10.5.1933 die faschistischen Studentenverbindungen zur Bücherverbrennungen aufrufen, werden Kästners Lyrik-Bände und sein Roman „Fabian“ Opfer der Flammen. Trotzdem will er als „Zeitzeuge“ in Deutschland verharren, Auch fühlt er sich seiner Mutter zu Liebe zum Bleiben verpflichtet. Im Dezember 1933 wird Kästner von der Gestapo festgenommen und verhört. Ihm wird vorgeworfen, in Prag zu wohnen und dort antinationalistische Schriften zu verfassen. Kästner bestreitet die Vorwürfe, entgeht auch einer Verhaftung, wird aber nun mit einem Berufsverbot belegt. Noch kann er von den Honoraren aus dem Ausland existieren und schafft es auch unter einem Pseudonym Drehbücher und Jugendromane  zu veröffentlichen. Trotz einiger Denunzianten schreibt er weiterhin und es kursiert bis heute das Gerücht, dass wohl Goebbels seine schützende Hand über ihn gehalten hat. Auch seine Geliebte Louiselotte Enderle nutzt ihre Verbindungen, um Kästner Anonymität aufrecht zu erhalten. So schreibt er am Drehbuch der Mutmacher-Komödie „Münchhausen“, Titelheld Hans Albers, mit. 1944 verliert der Heimatverbundene bei einem Bombenangriff seine Wohnung und lebt wieder mit der „Enderle“ zusammen. Sie sorgt auch dafür, dass Kästner 1945 zum UFA-Team gehört, das angeblich  einen Durchhaltefilm in Tirol dreht. Ab 1948 schafft Kästner es wieder, von seinen Einkünften als Schriftsteller zu leben. In dieser Zeit lehrt er auch seine zweite große Liebe „Friedhilde Siebert“ im Café „Leopold“ in München kennen. Nun muss die „Enderle“ die Hälfte ihres gemeinsamen Lebens mit Erich an Friedhilde abtreten.

In den fünfziger Jahren werden die Kinderromane „Emil und die Detektive“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ neu verfilmt. Mit 58 Jahren wird Erich Kästner Vater von Thomas Siebert. 1954 zieht Friedhilde mit Sohn Thomas in die Schweiz. 1959 begegnet der 12jährige Thomas Siebert seinem Vater zum letzten Mal. Ab 1960 wird beim Kettenraucher Kästner Speiseröhrenkrebs diagnostiziert. Der Patient sucht viele Monate ein Sanatorium auf.

Luiselotte schafft es als Nachlassverwalterin akzeptiert zu werden und kommt zu Pflichtbesuchen ins Krankenhaus. Am 29.7.1974 stirbt Erich Kästner einsam im Krankenhaus. An seinen vier letzten Lebenstagen besucht ihn nur sein Steuerberater.
Die Enderle überlebt ihren Partner um 17 Jahre und stirbt 1991 im 84.Lebenjahr. Da ist die 20 Jahre jüngere Konkurrentin schon 5 Jahre tot.

Wir sehen auch an diesem Beispiel: Lebensdauer hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun!

Wolfgang Schwarz  Am Jahresende 2018  


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Amadeus: Der Knabe und der Böse

Auch die Großen sterben, diesmal erwischte es am 13.April 2018 den zweifachen Oscarpreisträger Milos Forman. Der tschechisch-amerikanische Filmregisseur wurde 86 Jahre alt und soll, so ist aus zuverlässiger Stelle zu erfahren, bereits heftig an der Himmelstür klopfen. Er wird uns vor allem durch seinen Film „Amadeus“ in irdischer Erinnerung bleiben. Forman ließ sich von dem Drama des englischen Dramatikers Peter Shaffer inspirieren. Dieser hatte sich seinerseits von der Mordlegende über den Tod von Wolfgang Amadeus Mozart verleiten lassen. Nach dieser wird der Hofkomponist Salieri beschuldigt, seinen von ihm  beneideten Konkurrenten, den Jahrhundert-Komponisten Mozart, mit einer Giftmischung ins Jenseits befördert zu haben. Shaffer fand diese Version des frühen Todes des Musik-Genies wohl interessanter als die gängigen wissenschaftlichen Behauptungen der historischen Ursachenforschung.

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