Annette von Droste-Hülshoff V

Das Mütterchen und ihr kleiner Junge
Droste und Levin

Vorahnend schon traf die 16jährige Droste die „Westfalen Dichterin“ Katharina
Busch, ihr großes Vorbild, auf Schloss Hülshoff. Die Angebetete war nur sechs Jahre älter als die traumversunkene Annette. Es war Katharinas Hochzeitsjahr und im nächsten gebar sie unseren Levin Schücking.

Im Gedicht „Katharina Schücking“ beschreibt Annette ihre Situation und Empfindungen:

                      Sehr jung war ich und an Liebe reich,
                      Begeisterung der Hauch von dem ich lebte“


Auch wenn sie sich erst 1829 wieder sahen, so hatte doch die geistig-freundschaftliche Beziehung Bestand. Ein Jahr nach der Wiederbegegnung tauchte auch der 16jährige Levin im Rüschhaus auf. Die Mutter hatte ihn geschickt, einen Monat vor dem Tod der 40Jährigen. Levin besuchte vorübergehend das Gymnasium in Münster und machte dann in Osnabrück sein Abitur. Er studierte in München, Heidelberg und Göttingen Jura. Völlig mittellos kehrte er 1837 in seine Heimatstadt Meppen zurück. Da sein Vater seines Amtes enthoben war, sah er für sich keine Zukunft in Meppen und ging erneut nach Münster. Levin war mittlerweile 23 Jahre alt, gab Nachhilfe-Unterricht in verschiedenen Sprachen und versuchte als Journalist Fuß zu fassen. In einem Literaturkreis begegnete er Droste, die nicht besonders von ihm angetan war. In einem Brief schildert sie ihn als „lapsig, weibisch, eitel“ (Manfred Schier, Levin Schücking, Münster 1988, S.22). Levin wiederum erkannte schnell Annettes Genie und schmeichelte ihr nach Kräften. So gewann auch Annette ihn lieb und sah sich plötzlich in der Mutterrolle, „da ich weiß, dass er mich seiner seligen Mutter so ähnlich findet“ (Barbara Beuys, S. 255). Doch innerhalb eines Jahres musste sich die Droste eingestehen, dass da mehr als nur Mutterliebe in ihrem Herzen aufbegehrte. Auch Levin, das Muttersöhnchen, gesteht seinem Dichterfreund Freiligrath 1840 in einem Brief, dass ihm die Droste „seine Seelenfreude sei und er sie unendlich lieb habe“ (Beuys, S. 217). Bei dieser emotionalen und geistigen Nähe verwundert es nicht, dass der tatenhungrige Levin bald ihr Promoter wurde und es ihm gelang, mehrere Werke der aufstrebenden Dichterin bei angesehenen Verlagen unterzubringen. Die literarische Reputation der Beiden nimmt beträchtlich zu, aber der Klatsch über das ungleiche Paar will im Münsterland nicht enden. Nach Abschluss ihrer Arbeit an der „Judenbuche“ reist Annette 1841 zu ihrer Schwester nach Meersburg.
        
Die Begegnungen im und um Rüschhaus hatten Annettes Gefühlleben heftig durcheinander gebracht. Ihre Empfindungen gegenüber Levin waren offensichtlich vielschichtig. Sie versuchte im Gedicht „Katharina Schücking“ (Werke, S.203), aus dem wir ja schon zwei Verse kennen, es auf eine intensive Mutterliebe zurückzuführen. Aber das Gedicht verrät auch, dass es mehr war als eine besondere Aktivierung ihres Beschützerinstinktes.
 
                    Du hast nie geahndet, nie gewusst,
                    Wie groß mein Lieben zu dir gewesen,
                    Nie hat ein klares Aug in meiner Brust
                    Die scheu verhüllte Runenschrift gelesen,                     

Es ist kaum anzunehmen, dass diese Verse die tatsächlichen Gefühle bei der Begegnung vor über 30 Jahren realistisch wiedergeben. Ansonsten hätten diese Gefühle auch bei dem zweiten Treffen 1829 und im übertragenen Sinne beim ersten 1831 präsent sein müssen. Offensichtlich wollte Annette ihre aktuelle Gefühlswelt von 1842 tiefenpsychologisch als Übertragung der Liebe zu Katharina als eigene Mutterliebe zum Sohn der Angehimmelten verkaufen. Mit dieser Projektion versucht sie also ihre erotischen Empfindungen zu verschleiern. Dies kann so als eine Erläuterung des Gedichts „An Levin Schücking“ (Werke, S.158f), das sie ihrem jugendlichen Verehrer geschickt hatte, angesehen werden.

                    O frage nicht, was mich so tief bewegt.
                    Seh ich dein junges Blut so freudig wallen,
                    Warum, an deine klare Stirn gelegt,
                    Mir schwere Tropfen aus den Wimpern fallen.

                                 …
 
                    Und als ich dann erwacht, da weint ich heiß,
                    Dass mir so klar und nüchtern jetzt zu Mute,
                    Dass ich so schrankenlos und überweis`,
                    So ohne Furcht vor Schelten und vor Rute.

                                  …

                    Und all mein Hoffen, meiner Liebe Brand
                    Und meiner Liebessonne dämmernd Scheinen,
                    Was noch entschwinden wird und was entschwand,
                    Das muss ich alles dann in dir beweinen.                      
                                                                
Auch hier zeigt die Droste, dass ihre Liebe hoffnungslos ist und neben der eigenen Schande wahrscheinlich auch für Levin untragbar ist. Die rote Linie war offensichtlich überschritten. Aber wie weit, das wissen wir nicht, und die beiden waren auch nicht willens, dieses preiszugeben.

Jedenfalls, als Droste auf der Meersburg eintraf, litt sie heftig unter dem Trennungsschmerz und gleichzeitig erkannte sie bei ihrem Schwager Laßberg, dass dieser dringend einen Bibliothekar benötigte, um seine Büchersammlung zu ordnen. Sie schlug Laßberg vor, Levin Schücking mit dieser Aufgabe zu betrauen. Schwager und Schwester Jenny wussten von der engen Bindung der Beiden, aber sie gönnten der Dichterin das Vergnügen, mit dem geliebten Vertrauten noch viele schöne Tage am Bodensee zu verbringen. So führten sie die Beiden vom 9.10.1841 bis zum 2.4.1842 in der Meersburg wieder zusammen. Damit wurde die Schaffenskraft unserer großen Dichterin  enorm angeheizt und die Freuden waren mannigfach. Dies zeigt auch das Gedicht „Die Schenke am See“ (Werke, S120f).

                     Ists nicht ein heitrer Ort, junger Freund,
                     Das kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,
                     Wo so possierlich uns der Wirt erscheint
                     So übermächtig sich die Landschaft breitet;
      
                                 …

                     Und ich, ich will an deiner Seite
                     Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.                     

Wie weit die Liebe gehen durfte, darüber waren sich Levin und Annette offensichtlich nicht einig. Das jedenfalls lassen diskrete Äußerungen Else Rüdigers, der Freundin Drostes, vermuten. Zudem schien die Bibliothek einigermaßen geordnet, und die vielen Werke, die Droste in diesen halben Jahr geschaffen hatte, verlangten nach auswärtigen Aktivitäten des Managers Levin.
Die Trennung war besonders für Annette schmerzlich und sie stand noch unter dem Druck mehrerer Missstimmungen zwischen ihr und dem Geliebten. So schickte sie Levin ein anrührendes Gedicht zum Abschied (Werke, S.159).

                      Kein Wort, und wär es scharf wie Stahles Klinge,
                      Soll trennen, was in tausend Fäden eins,
                      So mächtig kein Gedanke, dass er dringe
                      Vergällend in den Becher reinen Weins;
                      Das Leben ist so kurz, das Glück so selten
                      So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!

                                  …

                      Blick in mein Auge – ist es nicht das deine,
                      Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?
                      Du lächelst – und dein Lächeln ist das meine,
                      An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich;
                      Worüber alle Lippen freundlich scherzen,
                      Wir fühlen heil`ger es im eigenen Herzen.                    
                                                                                              
Levin hatte sich zwischenzeitlich für Louise von Gall, eine schöne, üppige Frau aus hessischem Adel, entschieden. Die wohlbeleibte Darmstädterin war ein Jahr jünger als der 28jährige Levin. Sie suchte den literarischen Erfolg und war recht eifersüchtig auf die Droste. Levin wollte das Verhältnis der beiden Frauen zueinander normalisieren und so besuchten sie im Frühjahr 1844 die Droste in Meersburg. Es waren allerdings ziemlich verkrampfe Tage. Annette versuchte einen poetischen Abschied:

                      Lebt wohl, es kann nicht anders sein!
                      Spannt flatternd eure Segel aus,
                      Lasst mich in meinem Schloss allein,
                      Im öden geisterhaften Haus.

Annette wusste, dass der Kampf um Levin verloren und eine Freundschaft zu dritt kaum denkbar war. Louise machte keine emotionalen Zugeständnisse und Droste übte Selbstkritik, weil sie sich selbst etwas vorgemacht hatte, das Unmögliche zu hoffen. Sie suchte Verzeihen und Tröstung bei den himmlischen Mächten, die aber eben ihr auch Schwäche und Schuld vorzuwerfen schienen, sie waren für die religiöse Droste eben auch Ankläger, die möglicherweise aber verzeihen konnten. Das wird in ihrem vielleicht schönsten Gedicht  „Mondesaufgang“ deutlich (Werke, S. 245):

                       An des Balkones Gitter lehnte ich
                       Und wartete, du liebes Licht auf dich.
                       Hoch über mir, gleich trüben Eiskristalle,
                       Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
                       Der See verschimmerte mit leisem Dehnen,
                       Zerflossne Perlen oder Wolkentränen?
                       Es rieselte, es dämmerte um mich,
                       Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

                                  …

                        Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
                        Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
                        Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
                        Und Bildern seliger Vergangenheit.

                                  …

                        Nur Bergeshäupter standen hart und nah,
                        Ein düstrer Richterkreis, im Düstern da.
   
                                  …

                        Mir war, als müsse etwas Rechnung geben,
                        Als stehe zagend ein verlorenes Leben,
                        Als stehe ein verkümmert Herz allein,
                        Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.

Die üppige Louise kannte kein Mitleid und charakterisierte in einer Novelle offensichtlich die Droste: „ Alles war an dem Figürchen kümmerlich und unbedeutend, nur die Augen waren groß und bedeutend – viel zu bedeutend…“ (Beuys S. 322). Zum endgültigen Bruch kam es 1846 mit der Veröffentlichung des Romans „Die Ritterbürtigen“ von Levin Schücking. In diesem Werk fühlte die Droste sich und ihren Stand aufs Schimpflichste verunglimpft. Vielleicht wollte Levin, um des lieben Friedens willen, den endgültigen Bruch, um seine Ehe mit Louise zu harmonisieren oder gar zu retten. Später bereute er seine Abrechnung mit dem westfälischen Adel und wusste auch die Liebe der Droste erst recht zu schätzen, da ihm die Gall in ihren 12 Ehejahren so manchen Kummer bereitet hatte.

Weihnachten 2016 kündet sich an, Einiges zu Levin wird noch nachzutragen sein.
Wolfgang Schwarz